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Akustikusneurinom

Prof. Dr. med. Th. Lenarz

Was ist ein Akustikusneurinom?


Ein Akustikusneurinom (Schwannom oder auch Neurom genannt) ist ein gutartiger Tumor des 8. Hirnnerven. Er wächst entlang des Nervenverlaufes zwischen dem Innohr im Felsenbein und dem Hirnstamm im Schädelinneren (Abb. 1: Akustikusneurinom im Kernspintomogramm).

Abb.1 AN Kernspin
Der 8. Hirnnerv besteht aus zwei eigenständigen Teilen. Während der Nervus cochlearis = Hörnerv zuständig ist für das Übermitteln der Hörinformation aus dem Innenohr zum Hirnstamm, gibt der Nervus vestibularis = Gleichgewichtsnerv die aus dem Gleichgewichtsorgan stammende Information an das Gehirn zur Weiterverarbeitung. Diese Nerven treten gemeinsam aus dem Hirnstamm aus und verlaufen durch den mit Hirnwasser gefüllten Kleinhirnbrückenwinkel zum Innenohr. Dabei passieren sie den knöchernen inneren Gehörgang im Felsenbein (Abb. 2). Hier entstehen die Akustikusneurinome aus der Gewebehülle, die den Hirnnerven umgibt. Die meisten Akustikusneurinome entstehen aus dem vestibulären Anteil des 8. Hirnnerven, selten aus dem Nervus cochlearis. Daher wird die Bezeichnung Vestibularisneurinom von einigen Autoren bevorzugt.

Parallel zum dem 8. Hirnnerven verläuft der Nervus facialis oder Gesichtsnerv = 7. Hirnnerv, der die Gesichtsmuskulatur motorisch kontrolliert.


Wie entsteht ein Akustikusneurinom?

Die Ursache ist letztlich unbekannt. Nur bei einer kleinen Gruppe von Patienten, die an einer sogenannten Neurofibromatose Typ 2 leiden, liegt ein genetischer Defekt vor. Dieser führt in der Regel zu multiplen Neurinomen an verschiedenen Hirnnerven und im Bereich des Rückenmarkes. Diese Patienten haben meistens biederseitige Akustikusneurinome.

Akustikusneurinome wachsen gewöhnlich langsam über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Dabei verdrängen Sie das umgebende Gewebe und zerstören den Knochen im Bereich des Felsenbeines. Da der Tumor gutartig ist, bildet er keine Tochtergeschwülste (Metastasen). Aufgrund des Reserveraumes im Bereich des inneren Gehörganges und des Kleinhirn- Brückenwinkels, der mit Liquor gefüllt ist, treten zunächst keine Symptome auf. Der Tumor drückt dabei auf den 8. Hirnnerven, später auch auf den Nervus facialis. Dabei dehnt sich der langsam wachsende Tumor vom inneren Gehörgang im Bereich des Felsenbeines Richtung Kleinhirnbrückenwinkel aus. Er erscheint dann als birnenförmiges Gebilde, das den inneren Gehörgang allmählich aufweitet. Der Tumor drückt bei weiterer Größenzunahme auf weitere benachbarte Hirnnerven, wie den Nervus trigeminus (zuständig für die Gefühlsempfindungen im Gesicht) oder auf den Nervus vagus (zuständig für den Schluckvorgang). Letztlich kann der Tumor auf den Hirnstamm drücken und dabei lebensbedrohliche Herz-, Kreislaufstörungen sowie eine Zirkulationsstörung des Hirnwassers mit Hydrozephalus hervorrufen.

Wie oft treten Akustikusneurinome auf?


Diese Tumoren treten mit einer Häufigkeit von 0,79 / 100 000 Einwohner auf. 6 % alller primär intracraniellen Tumoren sind Akustikusneurinome.
Symptome: Führend ist eine langsam zunehmende, seltener akut auftretende Schwerhörigkeit. Daneben finden sich Schwindel und Ohrgeräusche. Lähmungen der Gesichtsmuskulatur sowie Gefühllosigkeit oder Schmerzen im Gesichtsbereich sind selten. Koordinationsstörungen, Lähmungserscheinungen oder steigender Hirndruck kommen nur bei großen Tumoren vor, sind jedoch dann Zeichen eines lebensbedrohlichen Zustandes.

Welche Untersuchungen sind notwendig?

Die Erstuntersuchung wird in der Regel von einem HNO-Arzt vorgenommen. Zielführend sind dabei die Audiometrie mit Erstellung eines Ton- und Sprachaudiogramms einer Impedanzprüfung mit Ableitung der Stapediusreflexe sowie die objektiven audiometrischen Verfahren.

Abb.2: Axiale Darstellung des Kleinhirnbrückenwinkels
Hierzu zählen insbesondere die Ableitung der akustisch evozierten Hirnstammpotentiale, die aufgrund chrakteristischer Verzögerung der Leitzeit oder einem Leitungsblock auf das Vorliegen eines Akustikusneurinoms hinweisen. Diese Methode ist sehr sensitiv, kann jedoch keine Aussage über die Art der zugrundeliegenden Störung machen. Daher ist die bildgebende Diagnostik mit dem Kernspintomogramm bei vorliegendem Verdacht unerläßlich. Das Kernspintomogramm ist die sensitivste und spezifischste Untersuchungsmethode (Abb. 3). Ergänzend kommen die Gleichgewichtsuntersuchung sowie die Untersuchungen weiterer Hinrnerven hinzu.

Welche Therapieverfahren sind bei einem Akustikusneurinom möglich?

Die Behandlung des Akustikusneurinoms hängt ab von der Größe des Tumors, dem Zustand des Gehörs, dem Alter des Patienten und seinem Allgemeinzustand. Angestrebt wird primär eine operative Totalentfernung des Akustikusneurinoms bei gleichzeitiger Funktionserhaltung des Gesichtsnerven und des Gehörs. Dieses Ziel kann aufgrund der heute verwendeten mikrochirurgischen Techniken und Einsatz des Operationsmikroskopes, dem intraoperativen Monitoring und dem Einsatz spezielle Neuronavigationssysteme, die eine genaue Lokalisation des Tumors erlauben, in den meißten Fällen erreicht werden.
An der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule werden regelmäßig Akustikusneurinome operiert. Ca. 50 Patienten pro Jahr unterziehen sich dem operativen Eingriff. Dabei stehen uns 3 verschiedene Zugangswege zur Verfügung, die in Abhängigkeit von Lage und Größe des Tumors sowie dem Zustand des Gehörs eingesetzt werden. Bei jeder Operation werden zur optimalen Funktionserhaltung, d.h. Schonung des Gesichtsnerven und des Gehörnerven das MKM-Neuronavigationssystem der Firma Zeiss und spezielle Monitoringverfahren zur Überwachung der Nervenfunktion eingesetzt.

Drei Zugangswege werden verwendet:

• Das transtemporale Vorgehen (Abb. 4)
  über die mittlere Schädelgrube ist bei kleinen intrameatalen Tumoren, die den inneren   Gehörgang gerade eben ausfüllen oder gering überragen, indiziert. Dabei wird unter   Schonung des Innenohres der innere Gehörgang nach Anheben des Temopralhirns   aufgebohrt und der dort liegende Tumor unter Schonung des Gesichts- und Hörnervens   herausgelöst. Die Erhaltung des Gehörs gelingt dabei in etwa 2/3 der Fälle.

Abb.4 Transtemporaler Zugang

• Der translabyrinthäre Zugang (Abb. 5)
  mit Teilentfernung des Innenohres durch das Mastoid hindurch stellt einen sehr sicheren   und den Patienten wenig belastenden Zugang dar. Er kommt daher bei älteren Menschen   und bei Tumoren, die bereits zu einer weitgehenden Zerstörung des Hörvermögens geführt   haben, zum Einsatz. Er kann bei allen Tumorgrößen verwendet werden. Der wesentliche   Vorteil besteht in der frühen Identifikation und daher sicheren Schonung des   Gesichtsnerven.

 
Abb.5 Translabyrithärer Zugang mit Sicht auf Tumor / rechts: Herausgelöster Tumor

• Der suboccipitale Zugang über die hintere Schädelgrube
  erlaubt die Entfernung größerer Tumoren, die vorwiegend außerhalb des inneren   Gehörgangs liegen und den Hirnstamm erreichen. Dabei kann ebenfalls eine Erhaltung des   Hörvermögens in vielen Fällen erreicht werden. Aufgrund der erforderlichen Verlagerung des   Kleinhirns ist dieser Zugang vorwiegend für jüngere Patienten zu empfehlen.

Ergebnisse: Die Mortalität liegt bei allen Tumoren weit unter 1 %. Sie steigt bei größeren Tumoren an, ist bei kleinen Tumoren praktisch 0 %. Auch die Erhaltung des Gesichtsnerven und des Gehörs sind abhängig von der Tumorgröße, wobei große Tumoren eine schlechtere Prognose haben. Wichtig ist, daß der Tumor komplett entfernt wird, um ein erneutes Wachstum zu vermeiden.

Die an unserer Klinik erreichten guten operativen Ergebnisse sind das Resultat einer intensiven interdisziplinären Zusammenarbeit mit der Abteilung für Neurochirurgie, einer optimalen Operationsvorbereitung, des konsequenten Einsatzes von Navigationssystemen und dem intraoperatives Monitoring. Nicht zuletzt ist die große Erfahrung der operierenden Ärzte ausschlaggebend.

Alternative Behandlungsmöglichkeiten:

• Abwartende Haltung.
  Diese ist gerechtfertigt bei sehr kleinen Tumoren, die zu keiner Beeinträchtigung des   Hörvermögens geführt haben, oder bei älteren Patienten, bei denen der Tumor noch nicht   zu einer Verdrängung des Hirnstamms geführt hat. Erforderlich ist auf jeden Fall eine   jährliche kernspintomographische Kontrolle des Tumorwachstums, um den Zeitpunkt einer   bei Auftreten von Kompressionserscheinungen doch erforderlichen Operation exakt   bestimmen zu können.

• Bestrahlungstherapie mit Hilfe des Gamma Knife.
  Bei dieser stereotaktisch geplanten Bestrahlungstherapie wird durch eine genaue   Vorausplanung das Tumorvolumen mit einer hohen Strahlendosis versehen, während das   umliegende Hirngewebe versucht wird zu schonen. In der Regel kann hierdurch keine   Beseitigung des Tumors erreicht werden, wohl aber ein mehrere Jahre andauernder   Stillstand des Tumorwachstums. Dabei ist in der Regel eine Hörerhaltung in einem relativ   hohen Prozentsatz möglich. Gefürchtet sind dabei Spätkomplikationen in Form eines   Hydrozephalus (Zirkulationsstörungen des Hirnwassers mit Aufstauung), eine   Gesichtsnervenlähmung oder Gesichtsschmerzen durch Irritation des Nervus trigeminus.

Postoperative Rehabilitation:

Die Patienten benötigen in der Regel ca. 3 bis 4 Wochen, um sich von der Operation zu erholen. Eine operationsbedingte Lähmung des Gesichtsnerven ist meistens vorübergehender Art, sollte jedoch durch eine intensive krankengymnastische Übungsbehandlung möglichst gut therapiert werden. Ausfälle der Hörfunktion lassen sich durch geeignete Hörhilfen kompensieren. Hierbei kommt vor allem eine Hörgeräteversorgung in Form der sogenannten CROS Versorgung in Frage. Bei beiderseitiger Taubheit kommt entweder ein sog. Cochlear Implantat zum Ersatz der ausgefallenen Innenohrfunktion bei noch funktionstüchtigem Hörnerven oder bei Zerstörung des Hörnerven beiderseits ein sog. Hirnstammimplantat in Frage. Dabei wird eine elektrische Reizelektrode direkt an den Hirnstamm angebracht, wo der Hörnerv einmündet. Über von außen eingesendete elektrische Signale läßt sich dabei ein Hörvermögen wieder herstellen, so daß die Patienten in der Lage sind zu kommunizieren. Auch diese beiden letztgenannten Behandlungsverfahren werden an unserer Klinik routinemäßig eingesetzt. Für diese beiden Verfahren besteht an der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover das weltweit größte Zentrum (Abb. 7).
Siehe hierzu auch Homepage Cochlear Implant der HNO-Klinik an der Medizinischen Hochschule Hannover .